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Foliant 13 - Boshaftigkeit ist der Foliant zum 13. Spalt in Dead by Daylight welcher am 12. Oktober 2022 veröffentlicht wurde.

Lerne das verschlagene Gehirn hinter der Maske kennen. Erfahre, was einem Horrorfan schlaflose Nächte bereitet. Enthülle lange verborgene unheimliche Geheimnisse, die eine furchterregende Wahrheit verbergen, die jedes Verständnis übersteigt.

Überblick[ | ]

Die Charaktere dieses Folianten sind Mikaela Reid und Danny Johnson aka Ghost Face.

Ghost Face – Hinter der Maske
Sein schwer verdientes Image verspottet zu sehen war eine richtige Beleidigung. So eine schwerwiegende Fehlinterpretation seiner Botschaft. Es war nicht mal gewitzt genug für eine Satire. Es war eine freche Respektlosigkeit, die bestraft werden musste.

Mikaela Reid – Und bald im Nebel
Jahrelang fand Mikaela Trost in den finsteren Freuden des Horrorgenres. Aber als es darum ging, sich den Stift zu nehmen und eine eigene Gruselgeschichte zu schreiben, lernte sie eine völlig neue Art der Angst kennen: eine Schreibblockade.

Das Haus Arkham
Selbst für jene, die um seine Existenz wissen, bleibt der Entitus voller Rätsel. Aber es gibt auch welche, die seine Gunst suchen und deren verdorbene Rituale den dunkelsten Spalten der Erde vorbehalten sind.

Tagebucheinträge und Erinnerungen[ | ]

Mikaela Reid: Und bald im Nebel[ | ]

ERINNERUNG 1306[ | ]

IconHelp archivesLog Mikaela streicht sich über den Nacken und macht sich bereit, eine Geschichte zu erzählen. Ihr Gesicht ist warm, ihr Hals fühlt sich eng an und ihre Beine wie Brei. Sie redet sich selbst gut zu.

Reiß dich zusammen ... reiß dich zusammen ...

Aber sie kann sich nicht zusammenreißen. Jeder Atemzug ist ein Kampf. Jede Bewegung ein Stich in den Bauch. Ihr Herz pocht wie wild in ihren Ohren. Ihr Hirn spürt die Bedrohung und ihre Adrenalindrüsen setzen eine plötzliche Welle von Hormonen frei. Adrenalin. Cortisol. Das Pochen wird schneller, während die Angst sie lähmt. Aber diese Angst ist nichts Körperliches. Sie hat keine Angst davor, bei lebendigem Leibe verbrannt oder von einer Klippe gestoßen oder in eine dunkle Grube mit sich windenden Giftschlangen geworfen zu werden.

Sie hat Angst davor, vor Fremden auf der Bühne zu stehen.

Und ihnen eine Geschichte zu erzählen.

Wenn man Leute nach ihrer größten Furcht fragt, findet sich immer wieder dieselbe ganz oben auf der Liste. Öffentliches Reden. Warum ist das so? Warum haben wir so viel mehr Angst, uns zu blamieren, als verstümmelt zu werden?

Das Geschichtenerzählen ist so alt wie die Geschichte der Menschheit selbst, und Mikaela weiß, dass es in ihren Genen verankert ist. So erklärt sie sich die Welt. So erklärt sie sich ihre eigene Person. So verbindet sie sich mit anderen und kommuniziert ihre Wahrheit. Diese Verbindung zu finden ist Mikaelas Sucht.

Sie könnte ihre Geschichten schreiben, damit sie gelesen oder von jemand anderem vorgetragen werden, aber Mikaela weiß, dass sie mehr braucht. Viel mehr. Sie braucht die Furcht, das Adrenalin, das Kampf-oder-Flucht-Gefühl. Aber vor allem braucht sie diese instinktive Verbindung zu ihrem Publikum. Damit es sieht, was sie sieht. Das glaubt, was sie glaubt. Das fühlt, was sie fühlt. Alle Blicke ruhen auf ihr. Alle lauschen jedem ihrer Worte.

Am Donnerstag darf im Moonstone jeder seine Geschichte vortragen. Sie hat alle ihre Freunde dazu eingeladen und sie will sie nicht enttäuschen.

Sie will sich selbst nicht enttäuschen.

ERINNERUNG 1307[ | ]

IconHelp archivesLog Mikaela sitzt am Küchentisch und versucht, etwas zu schreiben, aber nichts ist gut genug. Jeder Einfall wirkt geistlos. Langweilig. Albern. Alles, was ihr einfällt, gibt es schon.

Sie will die tiefsten Ängste der Menschen ansprechen. Sie in eine andere Wirklichkeit mitnehmen. Sie hypnotisieren. Sie verzaubern.

Und dafür braucht sie eine gute Geschichte. Eine überragende Geschichte. Eine, die einen nicht mehr loslässt. Eine, die Fragen aufwirft, für die das Publikum Antworten braucht.

Denn vor ihren Freunden zu stehen, ist das eine, aber vor Fremden etwas anderes.

Ihr Magen dreht sich um. Ihr ist übel. Sie will ihre Angst und das Stück Bananenbrot loswerden, das sie zu Mittag gegessen hat. Sie liebt Kaffee, aber das ganze Koffein trägt nicht wirklich dazu bei, ihre Aufregung zu lindern.

Warum würde ihr überhaupt jemand zuhören wollen? Was hat sie denn zu sagen, was andere Leute hören wollen?

Deswegen muss ihre Geschichte perfekt sein. Überraschend. Erschreckend. Fesselnd. Schockierend. Makellos. Originell. Und keine ihrer Ideen scheint gut genug zu sein.

Keine einzige.

ERINNERUNG 1308[ | ]

IconHelp archivesLog Mikaela lässt den letzten Stammgast aus dem Moonstone und schließt dann die Tür ab. Sie wäscht alle Becher und Tabletts und Löffel. Reinigt die Espressomaschine und schaltet sie aus. Putzt den Kühlschrank. Fegt den Boden. Sie arbeitet, bis sie ganz müde ist, bevor sie sich hinsetzt, um zu schreiben.

Die Angst übermannt sie fast sofort. Schweiß sammelt sich auf ihrer Stirn. Tropft von ihrer Nase. Landet auf dem gelben Notizblock und verwischt die Tinte.

Es ist nicht das Versagen, das ihr solche Angst macht. Es ist das Exil. Verbannung. Aus dem Stamm gejagt zu werden. Isoliert. Allein.

Allein.

Sie war in der zweiten Klasse in eine neue Schule gekommen und kannte dort niemanden. Beim Mittagessen saß sie alleine und wollte ihr Thunfischsandwich essen, brachte aber keinen Bissen hinunter. Sie hatte keinen Appetit. Nur einen Knoten in ihrem Hals. Sie kann sich noch an diese Einsamkeit in ihren Knochen erinnern. Diese Einsamkeit ist noch furchterregender als der Tod. Es ist eine grundlegende Angst.

Sie hatte versucht, eine Geschichte im Moonstone zu erzählen, aber es war nicht wie geplant gelaufen. Sie hatte die Geschichte auswendig gelernt, damit sie nicht immer auf ihr Blatt hinabsehen musste. Aber ein Blick ins Publikum und sie hatte jedes Wort vergessen. Sie stand wie erstarrt da. Wie eine Idiotin. Zehn Sekunden fühlten sich wie zehn Minuten an, und schließlich ging sie einfach. Ihr ist immer noch warm von der Beschämung, die sie im Nacken spürt.

Wenn Komiker niemanden zum Lachen bringen können, nennen sie es sterben.

Es ist schlimmer als sterben.

ERINNERUNG 1309[ | ]

IconHelp archivesLog Mikaela weiß, dass ihre Angst tief verwurzelt ist. In einem winzigen Teil ihres Gehirns, der Amygdala heißt. Es ist ein Instinkt. Es geschieht automatisch. Aber dieses Wissen hilft nicht.

Sie muss diese Angst durchbrechen. Sie muss all diese Stimmen in ihrem Kopf verstummen lassen.

Alle, die je auf sie herabgeschaut haben. Sie je runtergemacht haben. An ihr gezweifelt haben. Ihr das Gefühl gegeben haben, sie wäre nicht gut genug.

Wie ihre Lehrer.

Wie Mrs. Stenson, ihre Lehrerin in der zweiten Klasse, die keine Ahnung hatte, wie man Legastheniker unterrichtet und ihr das Gefühl gab, sich für jedes falsch geschriebene oder gelesene Wort schämen zu müssen.

Wie Mr. Brandies, ihr Englischlehrer in der Zehnten, der ihre Geschichten mit roter Tinte vollschmierte. Immer die rote Tinte. Er hatte so viele dumme Regeln. Keine Wörter wiederholen. Keine zu langen Schachtelsätze. Keine Konjunktionen am Satzanfang. Keine Präpositionen am Satzende.

Verbote. Verbote. Verbote.

Alles was er konnte, war, Verbote aufzustellen.

Sie an ihren Instinkten und ihrer Intuition als Geschichtenerzählerin zweifeln zu lassen. Ihre Freude und ihre Kreativität mit Regeln zu töten, die niemals echte Regeln waren. Regeln, die ihre Geschichten zu unsympathischen, erfundenen, künstlichen Gebilden machten. Dabei wollte sie, dass ihre Geschichten das Gegenteil waren. Das genaue Gegenteil: sympathisch, einladend, ehrlich.

Mikaela hat oft mit Brandies über seine sogenannten Regeln diskutiert und darüber, dass einige der besten Geschichten fast jeden Satz mit einer Konjunktion begannen. Sie hatte Brandies sogar gefragt, wo diese Regeln überhaupt herkämen. Und er konnte es ihr nicht sagen. Er konnte es ihr nicht zeigen. Zumindest nichts Offizielles. Nur ein Stilratgeber, der dem nächsten widersprach. Mikaela schloss daraus, dass vor langer Zeit ein Lehrer seinen bevorzugten Stil als Regelwerk verkaufte und diese fehlgeleiteten Schüler dann stilistische Falschinformationen verbreiteten.

Sie erinnert sich an ein Mal, als Brandies ihr eine Geschichte zurückgegeben hat. Sie erinnert sich, dass er sich auf ihren Tisch gelehnt hat. Sie erinnert sich an den Geruch. Der Geruch von billigem Rasierwasser, das einen vergeblichen Kampf gegen seinen Körpergeruch ausfocht. Und sie hört seine hässlichen Worte jedes Mal, wenn sie einen Stift in die Hand nimmt.

Manche Menschen werden als Schriftsteller geboren. Du nicht. Keine Sorge, es ist nicht deine Schuld. Du bist einfach so.

Doch trotz all dieser Negativität konnte sie dennoch eine kleine Flamme der Inspiration am Leben erhalten. Eine flackernde Flamme, die von all den Schriftstellern genährt wurde, die sie liebte. Mary Shelley. Edgar Allan Poe. Shirley Jackson. Sie machten sich keine Gedanken über Regeln. Sie erschufen einfach ihre Charaktere. Erzählten ihre Geschichten. Bauten ihre Welten.

ERINNERUNG 1310[ | ]

IconHelp archivesLog Etwas an dieser Frau hält andere auf Abstand. Vielleicht ist es ihre Intensität. Vielleicht auch ihre Distanziertheit. Ihre Andersartigkeit.

Selbst an diesem dunklen, gefährlichen Ort scheint sie eine tiefgehende Verbindung mit der Natur zu haben. Mit den Bäumen. Den Sträuchern. Den bei Nacht blühenden Blumen. Den Kletterranken. Den Grillen, die ihr Abendlied zirpen. Mit den Motten, die von den kleinen Lichtflecken angezogen werden, die den dichten schwarzen Nebel durchbrechen. Mit den Ratten, die durch das Unterholz huschen. Sie könnte stundenlang zusehen, wie eine Spinne ihr Netz webt. Das interessiert sie. Die Lebewesen, die an diesem düsteren, unwirtlichen Ort weiterbestehen.

Sie kann Menschen nicht so lesen, wie andere das können. Sie kann einer anderen Person nicht ins Gesicht schauen und verstehen, was diese fühlt. Die Sprache der menschlichen Gefühle ist für sie nicht zu entschlüsseln. Ihre freundlichen, klugen Augen sind von einer großen Plastikbrille umrahmt. Sie hat einen dunklen Teint. Ihr rabenschwarzes Haar bildet eine weiche, hübsche Wolke aus engen Korkenzieherlocken und Zöpfen.

Sie bewegt sich im dunklen Nebel und ihre Haut kribbelt vor Furcht. Es gibt Gefahren an diesem Ort. Raubtiere. Monster. Den Gestank des Todes. Das ekelhaft süße Aroma von verwesendem Fleisch. Die Luft ist feucht. Kalt.

Plötzlich hören die Grillen auf zu zirpen. Die schlagartige Stille lässt sie innehalten. Sie wartet. Lauscht. Hält den Atem an.

Ein kehliges Brüllen durchschneidet die Luft hinter ihr.

Sie dreht sich um und blickt in ein vernarbtes, unförmiges Gesicht. Ein Monster, das eine laute Kettensäge hält. Aufgeschreckte Krähen fliehen von den Bäumen. Mikaela schreit gemeinsam mit der Frau und wacht abrupt auf. Sie liegt schweißgebadet im Dunkeln.

Ein Albtraum.

ERINNERUNG 1311[ | ]

IconHelp archivesLog Ein Angsttraum. Mehr war es nicht. Julian ist sich recht sicher. Sie trinken Kaffee auf der Veranda des Moonstone und gerade scheint alles wieder normal. Sicher. Sie sitzen im Sonnenlicht und nippen an einem Latte.

Warum habe ich dann immer noch solche Angst? Es fühlt sich an, als wäre ich noch immer mittendrin. Als hätte der Albtraum nie geendet.

Julian zuckt mit den Schultern. Der Verstand macht so was. Er hilft uns, unsere Ängste im Schlaf zu verarbeiten. Du hast nur Angst davor, auf die Bühne zu gehen und deine Geschichte zu erzählen.

Mikaela nimmt einen Schluck von ihrem Kaffee. Sie schüttelt den Kopf. Ich habe nicht mal eine Geschichte.

Julian nimmt ihre Hand. Du machst es dir schwerer, als es sein müsste. Er schiebt seinen Stuhl zurück. Steht auf. Weißt du, was du brauchst? Du musst wahre Angst kennenlernen. Ein Grauen, das dir durch Mark und Bein geht, dich zittern lässt, bei dem du nicht mehr klar denken kannst.

Julian ist manchmal echt ein Idiot. Was schlägst du vor?

Den Steinbruch!

Aber du weißt doch, dass ich Höhenangst habe.

Und genau deshalb musst du einfach still sein und springen!

ERINNERUNG 1312[ | ]

IconHelp archivesLog Die Angst treibt sie vorwärts. Sie rennt. Ihre kräftigen Beine tragen sie immer tiefer in den dunklen Wald hinein. Schemenhafte Bäume erscheinen im Nebel, während sie zwischen ihnen hindurchjagt. Etwas drängt sie. Stampft.

Welches Raubtier auch immer ihr auf den Fersen ist, es ist hartnäckig. Riesig. Kräftig. Es knurrt. Faucht. Es ist wütend. Unnachgiebig.

Es bricht durch das Gebüsch hinter ihr, nur gesteuert von seinem Hunger.

Der Überlebenswille dieser Frau ist beeindruckend. Mikaela beobachtet sie und lebt gleichzeitig in ihr. Lebt in ihrer Haut, während sie um ihr Leben rennt.

Mikaela hat sich noch nie so mächtig gefühlt. So stark. Die Welt verschwimmt um sie herum, während die Bestie hinter ihr zu ihr aufschließt.

Sie rast zwischen einigen Bäumen hindurch und wird von Nebel umschlossen, als der Boden verschwindet und sie in den Abgrund stürzt.

Sie fällt!

Stürzt durch den endlosen Nebel!

Plötzlich wacht sie auf, ihr Bett ist feucht vom Schweiß und sie liegt mit pochendem Herzen in der Dunkelheit.

Der Stunt im Steinbruch hat nicht geholfen.

Kein bisschen.

Mikaela sammelt sich. Sie hat schon ähnliche Albträume gehabt. Aber in diesen Träumen haben sich ihre Beine schwer angefühlt. Wie Gummi. Als würde sie durch Sirup laufen. Als könnte sie nicht entkommen.

Dieses Mal war es anders. Es hat sich so lebhaft angefühlt. So echt. Sie war nicht sie selbst. Sie war jemand anderes. Jemand namens ...

Mag ... oder ... Meg ...

Sie seufzt tief.

Ihre Albträume fühlen sich an, als wären sie mehr als nur Albträume.

Fenster vielleicht, in eine andere Realität.

Oder vielleicht hat sie auch nur zu viele Comicbücher gelesen.

ERINNERUNG 1313[ | ]

IconHelp archivesLog Julian sitzt Mikaela an ihrem kleinen Küchentisch gegenüber. Du läufst vor deiner Angst davon.

Aber warum bin ich jemand anderes?

Weil du eine Schriftstellerin bist.

Sie schüttelt ihren Kopf. Nein. Ich bin eine Geschichtenerzählerin.

Was ist der Unterschied?

Da ist ein großer Unterschied.

Okay, wie auch immer ... Du bist eine Geschichtenerzählerin. Und als Geschichtenerzählerin bist du alle deine Figuren. Du lebst in ihnen. Und sie leben in dir. Das bedeutet nicht, dass du eine andere Realität durchlebst.

Aber was, wenn ich keine echte Geschichtenerzählerin bin?

Du willst jetzt doch nur ein Kompliment hören.

Nein, ich meine es ernst, vielleicht bin ich nur eine Schwindlerin.

Mik, komm schon, sei nicht so hart mit dir. Du musst nur loslassen. Ein Risiko eingehen. Von der Klippe springen. Mit dem Kopf voran in den Nebel, von dem du immer sprichst. Wenn du dich dieser Angst stellst, wird sie dich nicht mehr verfolgen.

Ich glaube nicht, dass das je aufhört.

Julian steht lachend auf. Also gut. Ich komme jetzt offiziell spät zur Arbeit.

Er eilt aus der Küche. Mikaela trinkt ihren Tee aus und springt dann unter die Dusche.

Unter der Dusche kann sie am besten nachdenken. Und als das heiße Wasser über ihren Rücken läuft, denkt sie daran, was Julian gesagt hat.

Sind ihre Albträume Nachrichten aus ihrem Unterbewusstsein? Carl Jung glaubte, dass unser Unterbewusstsein mit einem kollektiven Unbewussten verbunden ist, das jede Menschenseele mit urzeitlichen Symbolen und uralten Archetypen verbindet. Deswegen sind so viele Ängste und Phobien universell. Deswegen haben so viele Kulturen dieselben Geschichten und Mythologien.

Ihre Muskeln lockern sich unter dem heißen Strahl und sie erinnert sich an einen Schreibzirkel, in dem sie von etwas namens Déjàvuismus gehört hat. Die Idee ist, dass menschliche Gehirne sich mit Spiegelwesen auf derselben Wellenlänge in einer anderen Dimension verknüpfen können. Ein Mann in der Gruppe glaubte, dass seine innere Stimme nur eine andere Version seiner selbst in einer Paralleldimension war. Die anderen im Zirkel lachten. Sie aber nicht. Sie erzählte sogar eine ihrer Geschichten, die auf einem wiederkehrenden Albtraum basierte.

Das heiße Wasser wird kühler und Mikaela dreht es schnell ab, als sie ein Geistesblitz ereilt. Was, wenn sie von Dingen träumt, die in einer Art Multiversum tatsächlich passieren? Was, wenn diese Welt der Albträume keine Existenzebene ist, die von der Realität, die wir täglich erleben, abgetrennt ist? Was, wenn es nur eine von vielen Realitäten ist, die alle gleichzeitig existieren? Und wenn es tatsächlich mehrere Realitäten gibt, dann könnte jede Geschichte, die sie sich im Schlaf oder tagsüber ausdenkt, ein Blick in eine andere Existenzebene sein.

Mikaela zittert vor Aufregung. Vielleicht gibt es bereits alle Geschichten und sie warten nur darauf, von ihr entdeckt zu werden. Vielleicht sollte es beim Schreiben weniger darum gehen, sich selbst zu quälen und zu kritisieren, sondern eher darum, sich für die Möglichkeiten im Garten der Unendlichkeit zu öffnen.

ERINNERUNG 1314[ | ]

IconHelp archivesLog Mikaela geht voller Vorfreude ins Bett, ohne Angst. Jetzt verfolgt sie ihre Albträume. Freut sich darauf, in sie hineinzurutschen. Erwartet voller Spannung die zweite Realität, die die Unendlichkeit des Multiversums bietet.

Ein dunkler Burghof. Aufgespießte Leichen umgeben einen schluchzenden Mann. Er kniet auf der Erde, als sich ein schwarzer Nebel lichtet und noch mehr blutige Leichen enthüllt. Er schreit einen Namen.

Der schreiende Mann trägt keine mittelalterliche Kleidung. Er trägt Jeans. Ein schwarzes T-Shirt. Laufschuhe. Mikaela sieht jetzt auch andere. Einige tragen Kopfhörer und Klemmbretter.

Das Mauerwerk ist in Wahrheit bemaltes Holz. Die Schutzwälle sind aus Karton. Die Leichen sind Puppen, die nur wie Tote aussehen. Sie sieht Lichter. Eine Kamera. Ein schluchzender Mann, der seine größte Angst durchlebt: den Verlust von jemandem, den er zutiefst liebt. Von der Dunkelheit geraubt. Vom Nebel geraubt ...

Immer dieser Nebel.

Mikaela schreckt auf und erwacht. Dieses Mal ist sie nicht von Angst erfüllt. Sie ist erfüllt von Inspiration. Sie sucht in ihrer Schublade nach einem Text, den sie vor Jahren begonnen hat. Sie findet den ersten Entwurf und überarbeitet ihn, solange die Bilder noch frisch in ihrem Kopf sind. Die Geschichte fließt aus ihr heraus, als würde sie ihr jemand diktieren. Als würde sie etwas aufschreiben, das schon geschehen ist.

Denn das ist es auch.

Aber als Mikaela die Geschichte laut vorliest, klingt sie immer noch langatmig. Fantasielos. Klobig. Sie hat keinen Rhythmus. Keine Form. Keinen Spannungsaufbau. Keine lebendigen Momente für einen Vortrag. Etwas stimmt nicht. Etwas blockiert sie. Und sie versteht schnell, was es ist. Sie hält sich unterbewusst immer noch an diese Regeln ...

Diese erstickenden Regeln, die man ihr in der Schule jahrelang eingetrichtert hatte. Und deshalb fließt die Geschichte nicht. Sie fühlt sich nicht lebendig an. Sie fühlt sich gekünstelt an. Schwer. Tot. Und warum? Weil sie immer noch zögert, Regeln zu brechen, die eigentlich nie Regeln waren.

Verdammt! Was ist nur mit mir los? Warum schaffe ich es nicht?

Mikaela eilt ins Wohnzimmer und nimmt sich ein paar ihrer Lieblingsbücher. Sie alle brechen die Regeln. Jeder einzelne. Jeder Schriftsteller, der sie je fasziniert hat. Twain. Faulkner. Dickens. Poe. Brandies hätte ihnen allen eine Sechs gegeben. Und sie kann sich gar nicht vorstellen, was er mit dem gewitzten, jungen Shakespeare gemacht hätte.

Shakespeare, der frei von den Fesseln war, die Lehrer und das Fließbanddenken dem Geist auferlegten. Shakespeare, der frei war, seine eigenen Regeln und Wörter zu kreieren, ohne sich dafür zu entschuldigen. Der sich keine Gedanken darüber machte, was irgendeine Autorität oder ein Kritiker sagte, auch wenn sie viel zu sagen hatten. Und Mikaela weiß, dass er sich diese Freiheit nach einer schweren Depression verdient hatte, nachdem sein erstes Stück ein Reinfall gewesen war und er fünf Jahre lang keine Schreibfeder mehr angefasst hatte.

Fünf Jahre!

Fünf Jahre machte er sich Gedanken über das Geschichtenerzählen, bis er sich endlich von den Meinungen anderer losreißen konnte.

Aber sie hat keine fünf Jahre Zeit, um sich Gedanken über das Geschichtenerzählen zu machen, obwohl sie sich so sehr sehnt nach ...

Shakespeare’scher Freiheit!

Wie erreiche ich diese Art von Freiheit, nachdem ich jahrelang versucht habe, anderen zu gefallen?

Shakespeare hat seine eigenen Wörter und Regeln erschaffen, deswegen ist er unsterblich.

Aber ich muss gar nicht unsterblich sein. Ich muss nur eine gute Geschichte erzählen.

Mikaela verbannt alle negativen Gedanken aus ihrem Kopf und beschließt, die Geschichte zu erzählen, die sie erzählen will. Sie muss die Geschichte destillieren. Sie auf ihren Kern reduzieren. Alles weglassen, was sie nur verlangsamt. Passives in Aktives ändern. Wörter verwenden, die perfekte Bilder in der Fantasie erschaffen. Und wenn ihr das richtige Wort fehlt, dann erfindet sie eben einfach eines. Genau das wird sie tun. Sie wird eines erfinden! Dieser rebellische Gedanke inspiriert sie aber nicht nur, er macht ihr auch Angst. Er macht ihr furchtbare Angst, denn sie hat gelernt, das Endergebnis zu würdigen und nicht die Mühe, die Suche und den Kampf, denen sich jeder Künstler stellen muss, um sich zu befreien.

Um wahrhaft frei zu sein.

Die Fesseln sind immer noch da. Sie fühlt, wie sie von ihnen zu Boden gezogen wird, aber sie sind nicht mehr so schwer wie früher. Und auch wenn sie noch keine Shakespeare’sche Freiheit haben mag ...

Kann sie so tun, als ob.

Fürs Erste.

Und jetzt steht sie auf und geht im Wohnzimmer auf und ab, während sie den ersten Entwurf ihrer Geschichte vorliest. Sie findet Stellen für dramatische Pausen. Stellen für eine Geste. Stellen, an denen sie schneller werden kann. Stellen, die das Publikum keuchen oder aufschreien lassen werden. Sie wird nicht nur für sie spielen, sondern mit ihnen spielen. Und sie wird die Geschichte nicht nur erzählen, sie wird sie durchleben, damit das Publikum dies ebenfalls tun wird.

ERINNERUNG 1315[ | ]

IconHelp archivesLog Das Moonstone-Café ist totenstill und unglaublich gut besucht.

Mikaela hat ihre Geschichte geschrieben, umgeschrieben, verfeinert und poliert, hat sie allein und ihren Freunden vorgelesen. Jedes Wort ist mit Bedacht gewählt. Jeder Moment. Jede Bewegung. Jeder Atemzug. Sie hat alle Schnörkel entfernt. Alles Irrelevante. Alles, was jetzt noch übrig ist, ist das, was zum Erzählen der Geschichte wirklich notwendig ist.

Sie betritt die winzige Bühne und beherrscht den Raum. Das Licht verdunkelt sich langsam. Sie wartet, bis das Publikum schweigt. Dann räuspert sie sich und fängt an.

Wer hier glaubt an die Liebe? Ich meine, so richtig?

Einige Leute im Publikum heben die Hand oder bestätigen es mit einem kurzen Kommentar.

Mikaela nickt.

Die Liebe lässt uns verrückte Sachen machen, nicht wahr?

Einige Menschen im Publikum lachen, andere wirken nachdenklich.

Mikaela lächelt.

Manche wenden sich für die Liebe von ihrer Familie ab. Manche geben für die Liebe Reichtum und Macht auf. Manche gehen für die Liebe sogar durch die Hölle. Aber im Kosmos gibt es Orte, die noch viel schrecklicher sind als die Hölle. Orte, an denen der Tod erst der Anfang ist und man um seine Seele fürchten muss.

Würdest du an solch einen Ort reisen, um die Person zu retten, die du liebst?

Mikaela hält inne und zeigt auf einen Mann im Publikum, dann auf eine Frau, auf noch eine.

Kennt ihr jemanden, der das tun würde? Meine Frage ist eigentlich: Kann Liebe wirklich alles überwinden?

Sie genießt das Schweigen ihres gefesselten Publikums und neigt sich nach vorne, spricht eine Oktave tiefer, damit das Publikum die Ohren spitzen muss. Und gerade, als die Spannung nahezu unerträglich wird, beantwortet sie ihre Frage mit einer Geschichte.

Danny Johnson: Hinter der Maske[ | ]

ERINNERUNG 708[ | ]

IconHelp archivesLog Horrorgeschichten. Sie hatten Danny schon als Kind fasziniert. Sein Vater hatte die besten Horrorgeschichten auf Lager. Und diese Geschichten weckten stets etwas in ihm, was sonst keine Geschichte schaffte: eine größere Wertschätzung für das Leben. Die lebhaften Welten. Die unheimlichen Geräusche. Die perfekt gesetzten dramatischen Pausen, die ihn plötzlich auf das pochende Herzklopfen in seinen Ohren aufmerksam machten. Er wollte gleichzeitig weiter zuhören und aufhören. Unangenehm. Verunsichert. Aber doch gefesselt. Und dann ...

Der Höhepunkt!

Und der Adrenalinkick, der ihm folgte.

Aber es war nicht das Adrenalin, das er am meisten genoss. Nein. Es war etwas anderes. Es war ... Er war sich nicht sicher, was es war ... Er wollte nicht die Welt retten oder die Olympischen Spiele gewinnen oder in ein fremdes Land reisen, um etwas Neues und Exotisches kennenzulernen. Er wollte einfach nur, dass das Grauen ein Ende nahm. Er wollte sein Leben zurückhaben.

Je gruseliger die Geschichte, desto mehr schätzte er sein Leben. Und das Wissen, dass die Geschichten seines Vaters wahr waren, trug nur noch mehr zu diesem Gefühl bei. Erhöhte die Faszination noch, die die Geschichte auf ihn ausübte. Die Wahrheit der Geschichten machte sie noch wirkungsvoller als die dunklen Fantasiegeschichten, die aus der Vorstellungskraft erwachten. Die Geschichten seines Vaters waren wahr und deshalb waren sie auch furchterregender.

Viel furchterregender.

Sein Vater wollte, dass er Geschichten entwarf wie er. In seine Fußstapfen trat. Menschen in den Schatten jagte und ermordete.

Und das tat er.

Nur nicht so, wie sein Vater sich das vorgestellt hatte.

Und nun entwirft Danny bessere Geschichten. Viel bessere Geschichten. Sie sind besser wegen ihrer Schauplätze. Sie konnten überall stattfinden. Nicht so wie die Geschichten seines Vaters, die sich „unter ungewöhnlichen Umständen“ zutrugen, wie Experten das nannten, wo man mit furchterregenden und abscheulichen Geschichten beinahe rechnete.

Seine Schauplätze machten das Grauen noch einzigartiger.

Noch unerwarteter.

Und nun, als Danny auf der Couch in seiner klimatisierten Einzimmerwohnung sitzt, verspürt er plötzlich den Drang, eine weitere Geschichte zu entwerfen. Also greift er nach dem gelben Notizblock, der auf dem Couchtisch liegt, und blättert ihn durch, um nach dem nächsten potenziellen Opfer zu suchen.

ERINNERUNG 709[ | ]

IconHelp archivesLog Danny blättert in seinem Notizblock, um das perfekte Profil für seinen nächsten Entwurf zu finden. Er sucht nach dem Gewöhnlichen. Dem Bekannten. Dem perfekten Opfer, das seinen Lesern das Gefühl gibt: Das hätte ich sein können. Jemand, der alles nach Vorschrift macht. Jemand, der den Tod nicht verdient hat. Als ob das irgendetwas damit zu tun hätte. Er reißt Blätter heraus, alle Kandidaten mit Vorstrafen oder welche, die in der Nachbarschaft zu sehr aufgefallen sind. Es darf seine Leser nicht mit Hass, Rache, Eifersucht oder Bandenrivalität verwirren. Es darf kein Versteck für die Leser geben. Sie müssen sich mit dem Opfer identifizieren. Sie müssen sich selbst in der Geschichte sehen, oder er hat versagt. Es funktioniert einfach nicht. Und während er nach diesem perfekten Profil sucht, stoßen seine Finger auf einen Namen: John Michaels. Ein Mann mit zwei Vornamen. Fantastisch. Er überfliegt seine Beobachtungsnotizen. Geregelte Arbeit. Gefeierter Lehrer. Single. Reihenhaus mit weißem Lattenzaun. Hat den Tod nicht wirklich verdient. Perfekt.

ERINNERUNG 710[ | ]

IconHelp archivesLog John Michaels. Ein perfekter Name für das nächste Kapitel in seinem Buch. Jeder John und jeder Michael wird bewusst oder unbewusst von der Schlagzeile angezogen werden. Der Name selbst wird schon ein beachtliches Publikum anlocken. Und die Geschichte wird die Leser vor Furcht erstarren lassen und sie erst ganz am Ende wieder loslassen. Grauen über Grauen, bis sie um Befreiung betteln. Betteln, dass sie ihr Leben zurückbekommen. Er lacht in sich hinein, während er John beim Verlassen des Community College beobachtet, in dem er Anthropologie unterrichtet. Danny hat auch mal Anthropologie gehabt. Und er erinnert sich an die hitzigen Diskussionen mit seinem Lehrer, der ihn von seiner lächerlichen Theorie über den Homo sapiens überzeugen wollte. Dass die Menschen eine neugierige und intelligente Spezies waren, die mit ihren vielen Zivilisationen und Errungenschaften nach mehr Frieden und Wohlstand strebten.

Danny war vom Gegenteil überzeugt. Er stellte die These auf, dass Menschen im tiefsten Inneren Mörder waren. Mörder, die sich entwickelten, um zu versklaven, zu rauben, zu vernichten und sich letztendlich selbst zu zerstören. Dass die Errungenschaften und Zivilisationen nur dem Blutrausch dienten. Dass die Maske der Zivilisation eine Fassade war, eine Farce, ein ausgeklügeltes Design, um das wahre Gesicht der Menschheit zu verbergen. Das blutige Gesicht des Grauens, wie er es gerne nannte. Das blutige Gesicht des Grauens fand immer einen Weg, die Maske zu durchbrechen. Immer. Je mehr wir die Wahrheit verdrängten und verbargen, desto stärker und kreativer wurde sie, um auszubrechen. Als wäre sie ein lebendiges Wesen. Als hätte sie eigene Bedürfnisse.

Das waren lustige Diskussionen. Sein Lehrer verwies auf das goldene Zeitalter des Wohlstands zur Jahrhundertwende und Danny lieferte mit dem Ersten Weltkrieg das Gegenargument. Sein Lehrer erzählte von der Erfindung der Elektrizität und Danny erinnerte an den elektrischen Stuhl und die Hinrichtung mit Strom eines Elefanten auf einem Festival. Sein Lehrer schwärmte von Traktoren und von der grünen Revolution und Danny von Panzern und Agent Orange. Sein Lehrer zeigte auf das Flugzeug und all die Möglichkeiten, die das Fliegen für die Menschheit bedeuteten. Und Danny verwies ihn auf die Bomben. Und damit war die Diskussion beendet.

All diese Neugierde und dieser Erfindungsreichtum wurden mit Blut bezahlt und dienten dazu, noch mehr Blut zu vergießen.

Sein Lehrer sprach von Ausnahmesituationen. Abnormalen Situationen. Missbrauch der menschlichen Genialität. Aber Danny ließ sich nicht überzeugen. Danny behauptete, dass es in jedem Jahrhundert mehr abnormale als normale Situationen gab, auch im 20. Jahrhundert.

Vor allem im 20. Jahrhundert.

Im 20. Jahrhundert gab es große Fortschritte, was Wissen und Technologie betraf, jedoch nicht für die Weisheit.

Nie für die Weisheit.

Die Weisheit kam immer zum Schluss, wenn überhaupt.

Zehn Jahre Blut für jeden Tag Frieden. Das pflegte sein alter Herr fast jeden Morgen zu sagen, wenn er einen Penny auf sein Bett fallen ließ, um zu sehen, ob es auch gut gemacht war. Unnachgiebig wie Stahl. Hart wie ein Fels. Verrückt wie ein Irrer. Aber er hatte recht. Er hatte eindeutig recht.

ERINNERUNG 711[ | ]

IconHelp archivesLog Danny wacht schweißgebadet in seinem schwarzen Auto auf. Er ist eingenickt, das passiert ihm eigentlich nie. Die kaputte Klimaanlage und die Luftfeuchtigkeit machen ihm zu schaffen. Er öffnet die schweren Augenlider und reckt seinen verschwitzten Hals, um durch das Wohnzimmerfenster John zu beobachten, der sich seine tägliche Dosis Angst und Schrecken von den Spätnachrichten holt. Massenangst, die die Adrenalindrüsen stimuliert und langsam zu Erleichterung und Akzeptanz des abnormalen, alltäglichen, zivilisierten Lebens führt. Zehn Horrorgeschichten kommen auf eine gute Nachricht. Das war das Verhältnis in den Medien und das Geheimnis, um sich ein Publikum aufzubauen und ein erfolgreiches Nachrichtenunternehmen mit zahlenden Werbekunden zu führen.

Plötzlich springt John auf.

Danny vermutet, dass er wieder den Empfang verloren hat, während er zusieht, wie John auf den Fernseher zugeht. Er kämpft mit zwei langen Antennen, schlägt gegen den Kasten, setzt sich dann wieder hin und schlürft ein Glas warme Milch, während er sich das Grauen der Welt von seinem sicheren Zuhause aus reinzieht.

Danny macht sich auf seinem gelben Block eine Notiz zum Fernseher. Er könnte ihn vermutlich bei seinem endgültigen Entwurf gemeinsam mit dem Kühlschrank verwenden. Während er die Möglichkeiten für den Spannungsaufbau durchgeht, fällt ein Schweißtropfen von seiner Nase auf den Stift. Er wischt sich mit dem Arm über das Gesicht und wünscht sich, er hätte das Geld, um die Klimaanlage reparieren zu lassen. Dann fällt ihm ein, dass er seinen Entwurf bald fertigstellen wird, und damit seine Geschichte, die ihm Geld einbringen wird. Aber es war wichtig, den Entwurf nicht zu übereilen oder auf die Gelegenheiten zu verzichten, die Zeit und Geduld seiner dunklen Vorstellungskraft verschafften.

ERINNERUNG 712[ | ]

IconHelp archivesLog Danny kennt Johns Routine jetzt in- und auswendig. Nach einigen Tagen der Observierung ist er ein Profi, was den Charakter und das Setting seines nächsten Entwurfs angeht. Er wird mit der Kühlschranktür beginnen. Das Warnsignal ertönt dann genau drei Minuten später und wird John wecken. Er wird die Treppe hinuntertaumeln, die Tür schließen und schnell wieder zu Bett gehen. In Gedanken wird er immer noch bei diesem armen, nichtsahnenden Kerl sein, der in der Mall von Roseville von einem Aufzug zermalmt wurde. Eine perfekte Geschichte, um John beim Einschlafen zu helfen, weil er sich glücklich schätzt, dass es nicht ihn getroffen hat. Dass er noch am Leben ist. Und ganz ahnungslos, dass damit sein Glück aufgebraucht ist und dass er am nächsten Abend die Gutenachtgeschichte sein wird.

Kurz bevor John einschläft, wird Danny erneut die Kühlschranktür öffnen. Und wieder wird John in die Küche kommen. Er wird die Tür schließen. Aber dieses Mal wird er ein paar Minuten warten, um sicherzustellen, dass sie wirklich, wirklich geschlossen ist. Dann wird er wieder ins Bett gehen, zufrieden, dass er nicht mehr gestört werden wird.

Danny wird etwas Zeit verstreichen lassen. Dann wird er den Kühlschrank erneut öffnen und wenn John in die Küche zurückkehrt, wird er im Wohnzimmer sein und den Fernseher einschalten. Und genau dann wird John sich fragen, ob jemand im Haus ist. Vielleicht denkt er sogar an ...

... den Geist von Roseville.

Ghost Face.

Die Legende.

John wird zum Telefon eilen, es aber mit durchtrenntem Kabel vorfinden. Und genau in dem Moment wird Danny wie ein Panther in der Nacht aus den Schatten treten und John Michaels seinen ersten und letzten Schrei entlocken.

Der aufrechteste Bürger von Roseville und der, der so einen grausigen, grundlosen Tod am wenigsten verdient hat.

Es ist perfekt.

Im heißen, feuchten Auto stellt Danny sich vor, wie er das Messer durch Johns Hals drückt und die Zunge mitten im Schrei abtrennt. Sein Gesicht wird in purem Grauen erstarren. Er weiß, dass er seine Erfolgschancen erhöht, wenn er den Mord öfter vor seinem inneren Auge abspielt. Das hat ihm sein Vater beigebracht. Er hat ihm beigebracht, jeden Augenblick des Entwurfs durchzugehen. Er hat ihm versichert, dass ihn das zu einem mit Orden ausgezeichneten Menschenjäger machte. Das, was man in der Mordschule nicht lernt.

Danny stellt sich den Entwurf noch mal vor. Dann öffnet er die Augen, steigt aus dem Auto und geht durch die Schatten zur Hintertür des Bilderbuchhauses. Er gleitet am Zaun entlang und wirft einen schnellen Blick in den Garten hinter dem Haus. Dann bearbeitet er das Schloss der gläsernen Schiebetür, bis er ein Klicken hört. Vorsichtig schiebt er die Tür auf und betritt das klimatisierte Haus.

Er nimmt sich einen Augenblick, um sich im engen Gang etwas abzukühlen. Dann bewegt er sich auf die dunkle Küche zu, öffnet die Kühlschranktür langsam und genießt dabei den kühlen Luftzug. Ein sanfter Strahl warmen, gelben Lichts erhellt den Boden und den kleinen, runden Frühstückstisch neben ihm.

Alles läuft nach Plan. Aber dann, als Danny sich umdreht, erkennt er etwas aus dem Augenwinkel. Es lässt ihn erstarren. Er neigt seinen Kopf leicht, kneift die Augen zusammen und nimmt die Maske ab, um sicherzugehen, dass er da wirklich sieht, was er zu sehen glaubt. Als er seinen Blick über das Grauen auf dem Küchentisch schweifen lässt, erstarrt sein Gesicht zu einem stummen Schrei.

ERINNERUNG 713[ | ]

IconHelp archivesLog Danny schließt den Mund und greift nach einer kleinen Untergrund-Zeitung. Er blättert das Titelblatt von „The Urban Farce“ um und erblickt eine Karikatur seiner Legende, die auf Basis von Polizeibeschreibungen angefertigt wurde, die ein betrunkener Zeuge gegeben hatte, den er bei seinem letzten Entwurf absichtlich laufen lassen hatte. Er möchte langsam ein Bild in der Vorstellung seiner Leser erschaffen und jetzt ...

... Und jetzt machte ein Haufen Idioten seine Schöpfung mit einer Parodie lächerlich. Mit einer gottverdammten Parodie! Das schrecklichste Genre, das es je gegeben hat. Ein aufgeblasener Parasit, der sich an den Schöpfungen anderer labt!

Wie konnten sie es wagen, sein Lebenswerk ins Lächerliche zu ziehen?

Danny atmet angestrengt und versucht, sich wieder zu beruhigen. Er sieht ein, dass er den heutigen Entwurf nicht umsetzen kann. Zu viele Gefühle regen sich in ihm, die seine Konzentration schwächen. Wut. Hass. Demütigung. Unglauben. Alles wirkt verschwommen. Verschwommen und von Gefühlen geleitet, wie sein erster Entwurf.

Damals waren die Umstände anders. Aber sein erster Entwurf hat ihn gelehrt, dass Gefühle selbst den besten Entwurf zerstören können. Schnell dreht er sich um, um den Kühlschrank zu schließen, aber es ist schon zu spät und ...

Ein durchdringendes Piepsen schallt durch das kleine Haus.

Verdammt!

Danny zieht sich schnell in die Dunkelheit der Speisekammer zurück und lässt die Tür einen Spaltbreit offen.

Einen Augenblick später betritt John gähnend die Küche. Er steht vor dem Kühlschrank und kratzt sich verwirrt am Kopf. Er gähnt noch mal und sieht sich die Essensreste an, zieht einen kleinen Mitternachtssnack in Betracht. Dann murmelt er etwas Unverständliches und schließt den Kühlschrank. Nun sind beide von Schatten umgeben.

Er sollte jetzt gehen. Zurück ins Bett. Doch ...

John geht nicht.

Er steht einfach nur da, als würde er merken, dass etwas nicht stimmt.

Danny sieht Johns Silhouette durch den kleinen Spalt. Es scheint, als käme John auf ihn zu, aber er ist sich nicht sicher. Sein Herz klopft in seinem Hals. Sein Blut pulsiert in seinen Adern. Er fühlt sich schwach, benommen, als würde er jeden Moment in Ohnmacht fallen. Das darf nicht passieren.

Er tötet nicht einfach nur.

Er entwirft.

Ein dunkler Schatten nähert sich der Speisekammer.

Danny sammelt sich und macht sich bereit, mit seinem Messer herauszuspringen. Aber er weiß ...

Es ist alles falsch! Roh und primitiv und wegen etwas anderem.

Bitte ... öffne die verdammte Tür nicht. Bitte …

Danny hält den Atem an und wartet auf das Unvermeidliche.

ERINNERUNG 714[ | ]

IconHelp archivesLog John Michaels muss an diesem Abend einen Schutzengel gehabt haben. Und er weiß nicht mal, wie nah er dem Tod gekommen ist. Hätte John die Tür zur Speisekammer geöffnet, hätte Danny keine andere Wahl gehabt, als seinen Tagen als beeindruckender Lehrer ein Ende zu bereiten. Aber er hat sie nicht geöffnet und Danny somit die Chance gegeben, mit „The Urban Farce“ zu entkommen.

Jetzt schaut er durch sein Fernglas in das Postamt und wartet, dass die Redakteure oder Künstler auftauchen. Er muss schnell handeln und diesem offenkundigen Angriff auf sein Image Einhalt gebieten. Parodie. Es musste eine Parodie sein. Verdammte Parodie. Der Künstler hatte ein paar vage Beschreibungen einer geisterähnlichen Gestalt mit weit geöffnetem Mund genommen und sie in einen Witz verwandelt. Einen absoluten Witz. Er sieht jetzt deutlicher denn je, dass er ein anständiges Abbild seiner furchterregenden Maske an die Öffentlichkeit bringen muss, bevor alles, woran er gearbeitet hat, von einer Karikatur zerstört wird.

Und was, wenn sich die Leute nur an diese Parodie erinnern werden?

Das wird nicht passieren. Ich habe sie alle eingesammelt.

Danny dreht sich zum gewaltigen Stapel Zeitungen auf dem Rücksitz seines Autos um. Er hat wohl die gesamte Nacht damit verbracht, jedes einzelne Exemplar von „The Urban Farce“ aus Telefonzellen in der ganzen Nachbarschaft zu sammeln.

Er ballt die Hand zur Faust, seufzt tief und versteht den Witz nicht. Es ist nichts Lustiges an seinem Werk. Er bietet eine Art missverstandene Therapie für alle, die unter dem Wahnsinn des Vorstadtlebens leiden. Er gibt den Bürgern von Roseville einen Grund, ihr monotones Leben zu lieben. Er bietet ihnen eine Verschnaufpause und Erleichterung. Er schützt die Maske der Zivilisation mit seiner Maske und sie lachen darüber. So wie sie über seinen Vater gelacht hatten, als er zurückkam.

Er knirscht mit den Zähnen.

Nur Treuhandfonds-Idioten, die gern Rebellen sein wollen, würden so einen Dreck veröffentlichen.

Ein Mann betritt das Postamt. Danny verfolgt ihn mit dem Fernglas zum Postfach ...

19.

Nicht der Herausgeber.

Dann verfolgt er einen anderen Mann zum Postfach ...

7.

Auch nicht.

Ein weiterer Mann geht zum Postfach ...

15.

Danny senkt das Fernglas und versucht, sein gedemütigtes Herz zu beruhigen. Er wirft einen letzten Blick auf die Zeitung. Leserbriefe. Er überfliegt die Adresse und überprüft noch mal das Postfach. Dann sieht er auf und sieht plötzlich einen jungen Mann, der das Postamt betritt. Unter Dannys Blicken geht er am Schalter vorbei zu Postfach ...

13.

Bingo!

ERINNERUNG 715[ | ]

IconHelp archivesLog 22:03 Uhr. Danny sitzt in seinem Auto und sieht den drei Handlangern zu, wie sie das Roseville-Coliseum abschließen. Er nennt sie gern Handlanger. Alle drei – Tom, Pete und Bradley – haben die Schule geschmissen und arbeiten für Toms Vater im Coliseum. Sie wischen den Boden, machen Inventur, hängen im Personalraum ab und arbeiten mit Papas Kopierer und Papier an ihrer schlechten Zeitung. Am Abend trinken sie noch ein, zwei Bier und spielen eine schnelle Runde Lasertag. Verwöhnte kleine Scheißer, die nichts Besseres mit ihrem Leben anzufangen wissen, als zu trinken, über Filme zu diskutieren und ihre Erbsenhirne mit Spielautomaten und Lasertag abzulenken. Aber trotzdem ...

Für ihre Namen ist er dankbar.

Es sind perfekte Namen.

Es sind die Art Namen, die man in einem Blockbuster erwarten würde. Eine lächerliche Geschichte, in der Tom, Pete und Bradley vor eine „Ausnahmesituation“ gestellt werden und alle Bösewichte umlegen, nur um dann ohne einen Kratzer nach Hause zurückzukehren.

Ohne einen verdammten Kratzer.

Gegen technologisch überlegene Gegner.

Wenn es keine Propaganda wäre, wäre das eine Parodie.

Die Art von Propaganda, die alle Toms und Petes und Bradleys davon überzeugt, sich freiwillig für das Töten von Menschen zu melden. Die Art von Geschichte, die sein Papa hasste, weil er die Bösewichte so respektierte, die ihn all diese Jahre jagten. Die wahre Geschichte ist ...

Pete und Bradley kommen nicht zurück nach Hause.

Sie sterben.

Eines schrecklichen Todes.

Und Tom muss in eine Vorstadt zurückkehren, die ihn nicht mehr haben will, weil er hinter die Maske blickt und sie nicht mehr zu ihm passt. Und weil er nicht mehr dazu passt, werden sie ihn unter den Teppich der Zivilisation kehren und versuchen, ihn zu vergessen wegen der Wahrheit, für die er steht. Und Tom wird die perfekt gepflegten Rasen und die weißen Lattenzäune sehen und es wissen. Er wird immer wissen ...

... dass alles nur eine Fassade ist.

Danny sieht zu, wie die lachenden, betrunkenen drei Handlanger den Personalraum betreten.

Nur zu, lacht ihr nur. Ihr werdet bald erkennen, was passiert, wenn man Linien übertritt, die man nicht übertreten sollte.

Danny spürt, wie ihm sauer aufstößt. Er redet sich ein, dass er bald zuletzt lachen wird. Die Herausforderung bei diesem Entwurf ist, seinen brodelnden Zorn zu überwinden. Und er hat das Gefühl, dass er fast bereit ist. Er muss nur im Coliseum nach dem idealen Platz für den perfekten Schrei suchen. Derzeit schwebt ihm der Personalraum vor, aber er weiß, dass sich das ändern könnte, sobald er die Location kennt.

ERINNERUNG 716[ | ]

IconHelp archivesLog 22:04 Uhr. Tom, Pete und Bradley schließen den Laden eine Minute später als sonst. Danny steht in den Schatten, entfernt von den hellen Straßenlaternen, und beobachtet sie durch eine Glastür. Als sie in den Personalraum gehen, setzt er seine geliebte, knochenweiße Maske auf und macht sich für die erste Begehung des Schauplatzes bereit. Er wird das Coliseum noch zwei weitere Male abgehen, bevor er seinen Entwurf finalisiert. Er lässt seinen Ideen Zeit zu reifen.

Die Zeit zu brüten ist das Geheimnis eines jeden großartigen Entwurfs.

Und es ist die Phase, die er nicht übereilen darf. Es ist die allerwichtigste Phase. Alles andere ist nur noch die Umsetzung.

Danny ist voller Vorfreude, als er durch die Dunkelheit zum Ausgang gleitet. Wie oft hatte er Schwierigkeiten mit einem Entwurf, nur um dann mitten in der Nacht von der Muse geküsst zu werden? Heute weiß er, dass er einfach nur eine Nacht drüber schlafen muss, wenn er eine kreative Blockade hat. Der Schlaf hat etwas an sich, das jeden Entwurf verfeinert.

Jetzt öffnet Danny die Ausgangstür, an der er sich tagsüber schon zu schaffen gemacht hatte. Heimlich betritt er die Spielhalle, geht am kleinen Imbissstand vorbei und nähert sich dem lauter werdenden Geräusch einer Diskussion. Er versteckt sich in der Nähe des Personalraums, wo er die lauten und widerlichen Handlanger über Horrorfilme und Killer diskutieren hört.

Danny fühlt, wie ihm das Blut in den Kopf schießt, weil sie alles falsch sehen. Idioten, die sich über etwas lustig machen, das sie nicht verstehen oder von dem sie annehmen, dass sie es verstehen. Idioten, die die großartigsten Entwürfe kritisieren und damit prahlen, dass sie es besser gemacht hätten. Viel besser. Tom schlägt sogar vor, dass sie zusammen an einem eigenen Entwurf arbeiten sollten. Um Roseville etwas zu geben, was wirklich zum Fürchten ist.

Danny ballt die Hand zur Faust und würde am liebsten in das Zimmer stürmen und ihnen die Köpfe abreißen. Er nimmt sich einen Augenblick, um sich zu beruhigen. In einer Woche oder so wird er es diesen arroganten Idioten zeigen. Die intellektuellen Ergüsse jener, die an der Seitenlinie brüllen und sich fragen, wie es ist, tatsächlich in den Ring zu treten. Die gibt es in jedem kreativen Geschäft. Er weiß das und lacht, weil er sich fast von ihnen verunsichern lassen hätte. Es würde ihm gefallen, zuzusehen, wie diese Handlanger ihren eigenen Entwurf umsetzen. Sie würden jeden einzelnen Schritt bis zum Höhepunkt komplett vergeigen. Beinahe will er sie verschonen, nur um zu sehen, was sie machen würden.

Beinahe.

Danny blickt auf seine Uhr. Noch eine Minute. Er zählt die Sekunden, während sie sich beschweren und große Töne über den perfekten Entwurf spucken und darüber, wie nur sie allein ihn umsetzen könnten. Das Geschwätz und die Angeberei verklingen und werden bald von Rock ’n’ Roll aus den Lautsprechern des Coliseum übertönt.

Schnellen Schrittes zieht sich Danny hinter einen piepsenden Spielautomaten zurück, während die Idioten aus dem Personalraum strömen und im Lasertag-Bereich einen schnellen Adrenalinkick suchen. Leise verlässt er die Schatten und zählt zehn Schritte bis zum Personalraum. Er hat genau 22 Minuten Zeit, bevor ihr Spiel zu Ende ist.

Er öffnet die Tür und betritt den kleinen Raum. Er würgt, als ihm der üble Geruch von abgestandenem Bier, ranzigem Kaffee und ausgedrückten Zigaretten in schmutzigen Aschenbechern in die Nase steigt. Er dreht sich leicht zur Seite und plötzlich weiten sich seine Augen hinter der Maske.

Was zur Hölle?!

Sein Herz pocht wie wild, als er eine vergilbte Wand mit Karikaturen seiner Lieblingsmörder der Geschichte sieht. Seine Züge verhärten sich. Er knirscht mit den Zähnen und versucht, das Ding hinter der Maske zu unterdrücken. Er muss sich einen Moment Zeit nehmen, sich sammeln und gehen.

Sieh nicht hin. Sieh einfach nicht hin ...

Aber er kann nicht anders. Man macht sich nicht über Legenden lustig ...

Er streckt seine Hand aus und berührt eine Karikatur von dem Mann, den sie „den Bergarbeiter“ nannten. Man macht sich nicht über Legenden lustig ... Sein Mund klappt auf. Seine Lippen beben. So hat er sich schon seit Jahren nicht mehr gefühlt.

Man macht sich ... ... nicht ... ... über Legenden lustig!

Er will sich abwenden, doch seine Füße sind wie Zementblöcke. Sein ganzer Körper kribbelt, während das Blut wie wild durch seine Venen fließt und etwas Verborgenes sich in ihm regt.

Er schließt die Augen und zählt bis zehn. Seit seinem ersten Entwurf hat er nicht mehr improvisiert, und der lief nicht besonders gut. Er muss seine Mitte finden.

Weggehen.

Einfach weggehen.

Dem Entwurf zuliebe.

Er blickt die Wand voller Parodien an und atmet tief ein. Er schließt die Augen und zählt von zehn herab. Dann öffnet er seine Augen und sieht all die verunstalteten und lächerlichen Gesichter, die ihn auslachen.

Er will sie ignorieren. Er will weggehen. Er muss weggehen. Aber etwas hält ihn davon ab. Und bevor er überhaupt versteht, was los ist, befreit sich das Ding in ihm. Er ballt die Hand zur Faust und schlägt gegen die Wand.

Scheiß auf den Entwurf!

ERINNERUNG 717[ | ]

IconHelp archivesLog An die letzten zehn Minuten kann er sich kaum erinnern. Alles ist in einem Rausch der Gefühle passiert. Er erinnert sich an Augenblicke. Kurze Augenblicke. Wie er das Stroboskoplicht einschaltet. Wie er die Musik lauter dreht. Wie er die Trockeneismaschine startet. Wie er die drei Handlanger in Zeitlupe durch die kühle, neblige Arena verfolgt. Und nun zieht er das schimmernde Jagdmesser aus einem übel zugerichteten Gesicht, das nicht wiederzuerkennen ist.

Verdammt. Ich hab ihm bestimmt hundertmal in den Kopf gestochen.

Danny sieht sich das Gesicht genauer an, aber das Stroboskoplicht bringt ihn durcheinander. Es lässt das Gesicht wie seine früheren Opfer aussehen – die Gesichter ändern sich mit jedem Flackern.

Er schüttelt den Kopf und starrt das Gesicht an. Das ist Tom. Nein. Kann nicht sein. Tom hat er in die Beine gestochen. Er lebt noch und windet sich irgendwo wie ein Wurm.

Vielleicht Pete? Nein. Pete kann es nicht sein. Er ist sich ziemlich sicher, dass er Pete enthauptet hat. Das hatte er so nicht geplant, aber manchmal gehen Pläne eben schief. Er hat das Messer ein wenig zu fest reingerammt. Ein bisschen zu tief geschnitten. Ein bisschen zu heftig.

Na ja, wenn es nicht Pete ist. Und auch nicht Tom. Dann muss es Bradley sein. Der gute, alte Bradley. Plötzlich sieht er ein inneres Bild, wie Bradley schreit, bis er ihn mit einer Klinge in den Mund zum Schweigen bringt. Er nickt und seufzt. Ja, es ist Bradley. Ganz eindeutig, Bradley.

Er blickt lange auf das zerfleischte Gesicht. Es ist gar nicht so schlimm, wie er gedacht hatte. Ein wenig chaotisch, aber er kriegt das schon hin.

Das letzte Mal, als er bei einem Entwurf improvisiert hat, war mit seinem Papa. Möge er in Frieden ruhen. Er hatte einen besseren Entwurf verdient, eine viel bessere Ausführung, aber Danny war gar nicht bewusst gewesen, wie viel sich in ihm angestaut hatte. All diese Trainingseinheiten und unrealistischen Erwartungen, dass er Geschichten und Medaillen nach Hause bringen sollte, waren irgendwann zu viel.

Eines Abends beim Zelten brach alles aus ihm heraus, wie er es nicht erwartet hätte. So was passiert schon mal. Jeden Tag. Selbst den Besten. Er hätte nur nicht gedacht, dass es ihm passieren könnte. Und nun passiert es schon wieder.

Die Musik endet kurz und ein Schluchzen und Hilfeschreie sind zu hören.

Tom.

Im flackernden Licht folgt Danny einer Spur warmen Blutes durch das Labyrinth. Bald führt ihn das Blut zu einem jungen Mann, der auf dem Betonboden entlangkriecht und verzweifelt zur Ausgangstür will.

Danny nähert sich ihm bedrohlich. Er kniet sich vor ihm hin und starrt ihn an. Trotz der Klimaanlage fühlt er, wie der Schweiß von seinem Gesicht und in die größer werdende Blutlache tropft. Und als er sich auf den Schweißtropfen konzentriert, wird ihm bewusst ...

... dass er seine Maske nicht trägt! Er berührt sein warmes, blutiges Gesicht und erinnert sich düster daran, dass er die Maske im Personalraum abgenommen hat, nachdem er jede einzelne Karikatur von der Wand gerissen hatte.

Weil Ghost Face nichts damit zu tun hat. Das hier ist etwas anderes. Niemals könnte er Ghost Face diese ungeschickten und dennoch unglaublich befriedigenden Morde zuschreiben.

Tom sieht zu Danny hoch.

Danny wischt sich den Schweiß und das Blut aus dem Gesicht. Sie sehen einander in die Augen.

Jetzt gibt es nichts mehr zu lachen, was?

Danny legt sein Messer in Toms Hand.

Du weißt doch, was ein Nachahmungstäter ist, oder? Du bist jetzt jedenfalls einer. Ein erfolgloser Nachahmungstäter. Eine Parodie eines wahren Killers.

Tom versucht, Danny mit dem Messer anzugreifen.

Ganz ruhig, Tom. Du könntest dich noch verletzen ...

Toms Arm sinkt hinab und fällt platschend ins Blut, das Messer rutscht aus seinen Fingern. Mit Mühe legt er seine feuchten Finger um den Griff und sticht immer wieder in die Luft.

Danny lacht. Politiker werden deine Geschichte verwenden, um gegen Bier, Rock ’n’ Roll und Horrorfilme zu wettern. Das ist die Perspektive, die mir derzeit vorschwebt. Gefällt sie dir, Tom?

Tom keucht und versucht, etwas zu sagen – ohne Erfolg.

Danny nähert sich ihm weiter. Er senkt seine Stimme zu einem bösen Flüstern und schlägt eine mögliche Schlagzeile für seinen nächsten Artikel vor:

Ghost-Nachahmer. Tragödie im Roseville-Coliseum. Zwei Angestellte wurden von ihrem Kollegen erstochen, der schließlich seinen tödlichen Verletzungen erlag.

Danny denkt noch mal drüber nach und nennt eine zweite Version:

Aus Spaß wurde Ernst. Tragödie im Roseville-Coliseum. Nach einem Abend voller Alkohol, Rock ’n’ Roll und Horrorfilmen sterben drei Angestellte bei einem Streich, der furchtbar schiefging.

Danny neigt den Kopf leicht zur Seite. Er denkt über beide Versionen nach. Alkohol, Rockmusik und Horrorgeschichten sind immer ein guter Sündenbock. Sie geben Lesern etwas, auf das sie mit dem Finger zeigen können.

Etwas, dem sie die Schuld geben können.

Ein Versteck.

Und er ist sich nicht sicher, ob er den Lesern hiermit ein Versteck geben will. Er beugt sich zu Tom hinab. Was meinst du? Nachahmer oder schlechter Scherz?

Tom murmelt etwas Unzusammenhängendes.

Danny lächelt. Tut mir leid, ich hab dich nicht verstanden. Du musst schon lauter sprechen, Kumpel. Atme tief ein ... sprich deutlich. Komm schon ... Du hattest doch vorhin noch so viele tolle Ideen ... Sicher hast du auch eine Vorstellung davon, wie man sich an dich erinnern soll.

Tom windet sich verzweifelt und kann noch einen letzten, schwachen Schrei ausstoßen, bevor er stirbt.

Danny seufzt und schließt seine Augen, um das blinkende Licht auszublenden. Er ist sich noch immer nicht sicher, wie er die Geschichte schreiben soll, und es ist auch nicht wirklich wichtig. Beide Versionen erfüllen ihren Zweck und werden die Bewohner von Roseville in Angst und Schrecken versetzen. Sie werden ihre Masken ein wenig enger ziehen, sich glücklich schätzen und ihr lächerlich verrücktes Vorstadtleben wieder mehr zu schätzen wissen.

Logs, Geschichten und Notizen: Das Haus Arkham[ | ]

Tagebuch eines Films. Blut und Federn.[ | ]

IconHelp archivesLog Plötzlich erschien ein Huhn im Keller neben all diesen seltsamen Geräten. Wir jagten es durch den ganzen Turm, bis Elaine es endlich fing, es an den Beinen packte und es immer wieder gegen den Steinboden schleuderte, bis der ganze Raum von Blut, Federn und Schreien erfüllt war. Sie wirkte etwas verstört, derart die Beherrschung verloren zu haben. Uns ging es ebenso. Die abgerissenen Beine des Huhns hatte sie immer noch in der Hand, als sie immer wieder murmelte, dass sie normalerweise ziemlich geduldig und beherrscht sei. Sie konnte die Gefühle, die sie so plötzlich und vorübergehend übermannt hatten, einfach nicht nachvollziehen. Wir trösteten die arme Elaine und sammelten die Fetzen des Vogels ein, um eine leckere Mahlzeit zuzubereiten. Eine gute Szene für den Film, um ihn ein wenig aufzulockern.

Tagebuch eines Films. Nie vergessen.[ | ]

IconHelp archivesLog Elaine Fairfield hat mir erzählt, wie sie Ahma Kimura und die Parks kennengelernt hat. Sie haben sich in einer Gruppe getroffen, die vermisste Personen sucht. Sie wurde von einem Mann gegründet, der seine Schwester verloren hat, als diese seltsame, aber ähnliche Fälle von verschwundenen Menschen untersuchte. Dank der Nachforschungen des Bruders fand die Gruppe irgendwann heraus, wie sie diese kosmische Hölle betreten konnten, aber irgendwie wurden sie unterwegs getrennt. Sie sagt, sie wurden von einem Wesen angegriffen, das sie nicht wirklich beschreiben kann, aber es schien überall und nirgendwo gleichzeitig zu sein. Ich verstand nicht wirklich, was sie damit meinte. Was auch immer es war, ich bin froh, dass sie mich gefunden und aus der Bärenfalle befreit haben. Ich bin auch froh, dass der Bruder Mr. Park die Forschungsunterlagen anvertraut hatte, bevor sie getrennt wurden. Ich hoffe, dass darin etwas steht, das uns nach Hause bringen kann. Sonst werden wir einander wohl bald das antun, was Elaine diesem armen Huhn angetan hat. Apropos: Yasmine Kassir fand den Vorfall mit dem Huhn nicht besonders lustig. Sie fand auch nicht, dass es eine gute Szene für einen Film abgeben würde. Ich bin mir nicht sicher, ob sie ein gutes Beispiel für das Zielpublikum ist, das ich mir vorgestellt hatte.

Lieber Jake[ | ]

IconHelp archivesLog Ich sitze vor meinem Tagebuch und weiß nicht, was ich schreiben soll. Ich würde gern weiter im Nebel nach dir suchen, aber Bridgette meint, wir sollen uns ausruhen, und dass wir viel vom früheren Bewohner dieses Turms lernen können. Ich kann jetzt wohl nur mit dem Strom schwimmen und hoffen, dass uns etwas hier näher zu den Menschen bringt, die wir verloren haben. Ein paar von uns haben sich um ein kleines Feuer im Arbeitszimmer versammelt. Wir haben uns gegenseitig Geschichten von unseren Liebsten erzählt, die wir schon hundertmal gehört hatten. Wir haben aber so getan, als würden wir sie noch nicht kennen. Wahrscheinlich weil wir alle wissen, dass es hilft, zu reden, zu lachen und sich an die guten Zeiten zu erinnern. Ahma hat uns erzählt, dass ihr kleines Mädchen Motorradmotoren baute. Damit verbesserte sie Roller und fuhr mit ihnen Rennen in der kleinen Stadt. Diese Version war etwas ausgeschmückter als die erste. Niemand kann auf einem Roller so gut fahren, nicht mal, wenn man ihn mit Flugzeugteilen aufmotzen würde. Trotzdem waren es unterhaltsame Geschichten und sie erzählte sie gut. Zumindest bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie abrupt innehielt, mit leerem Blick ins Feuer starrte und sich in ihren Erinnerungen verlor. Für eine lange Zeit sagte niemand etwas. Ich starrte in die lodernden Flammen und dachte daran, wie du das Radfahren gelernt hast. Du warst vier Jahre alt und als Erstes brachte ich dir bei, wie man fällt. Ich habe dir gesagt, dass du dich mit den Füßen abdrücken und sicher auf die linke oder rechte Seite fallen sollst. Wir haben das sichere Stürzen so lange geübt, bis du keine Angst mehr davor hattest. Dann habe ich dir gezeigt, wie man schnell in die Pedale tritt und wie man mithilfe dieses Tempos das Gleichgewicht hält. Du hast es gleich beim ersten Mal geschafft, weil du keine Angst mehr vor dem Fallen hattest. Du warst so glücklich, dass du vom Rad gesprungen bist, mich umarmt und mir gesagt hast, dass ich der beste Papa auf der ganzen Welt wäre. Wenn ich heute sterben würde und nur noch diesen einzigen Moment für immer erleben dürfte, wäre ich ein glücklicher Mann. Ich vermisse dich so sehr und hasse, was zwischen uns vorgefallen ist. Ich hoffe nur auf eine zweite Chance, um alles wiedergutzumachen.

Blutkammer. Tag der Nacht. Jaden. 1[ | ]

IconHelp archivesLog Der 23-jährige Jaden kämpfte sich durch den Nebel bis zum Eingang eines verlassenen Motels. Er wischte sich den kalten Schweiß von der Stirn, öffnete die knarrende Tür und betrat die dunkle Lobby. Sofort rutschte ihm das Herz in die Hose, denn im Inneren bot sich ihm ein grausiges Bild des Todes. Auf dem Boden verstreut lagen menschliche Leichen und die verwesenden Überreste von tintenfischähnlichen Kreaturen, die mit nichts vergleichbar waren, was er kannte. Er brauchte einen Augenblick, um sich zu sammeln. Sein lädiertes Gesicht, seine geschwollenen Füße und die zerrissene Kleidung waren Beweise für die lange, beschwerliche Reise durch diese dunkle Dimension, in der er nach seiner Adoptivschwester Haley suchte. Zu Hause hatte er sich mit anderen getroffen, die ihre Liebsten unter ähnlichen Umständen verloren hatten, und gemeinsam hatten sie Relikte und Artefakte mit geheimen Symbolen gesammelt, die ihnen schließlich halfen, ein Portal in diese Welt zu öffnen, die so voller Albträume war. Aber gleich nachdem sie den Albtraum betreten hatten, wurden sie beim Angriff eines Schattenwesens mit einem unstillbaren Appetit auf Dunkelheit getrennt.

Jetzt war Jaden allein. Ohne die Forschungsunterlagen – oder den „Kodex“, wie manche sie nur noch nannten – wusste er nicht, wie er entkommen sollte, wenn er seine Stiefschwester gefunden hatte. Aber er versuchte, nicht an seine missliche Lage zu denken, als er die Lobby betrat und dabei das Gefühl nicht loswurde, dass ihn etwas oder jemand beobachtete. In einiger Entfernung hatte er die Ruinen eines Turms entdeckt, bei dem Skelette auf einer Minigolfanlage verstreut lagen und ein altes französisches Lied auf einem zerkratzten Grammofon lief. Jetzt stand er in einem verlassenen Motel umgeben von stinkenden toten Wesen. Er wusste nicht, was er sonst noch zu erwarten hatte, aber einer Sache war er sich sicher: Es würde noch mehr tödliche Kreaturen und geheimnisvolle Ruinen im Nebel geben. Viel mehr. Alles, was er in dieser Welt gesehen hatte, deutete darauf hin, dass es ein Garten unendlicher Dunkelheit war, der jenseits von Zeit und Raum lag.

Der Tod, so hatte er gelesen, bot keine Zuflucht.

Vorsichtig ging Jaden mit zitternden Händen den totenstillen Gang entlang auf eine Tür zu. Über der Tür blinkte ein Ausgangsschild unregelmäßig. Das einzige Lebendige war eine Ratte, die so groß wie ein Hund war und am verdorbenen Fleisch eines aufgeblasenen Tintenfischwesens kaute. Als er an einem Haufen Leichen vorbeiging, spürte er etwas hinter ihm. Er wandte sich um und sah einen schnellen Blitz. Einen Moment später blickte er auf die Schneide eines schimmernden Katanas. Er keuchte. Er stand einer Frau in einem rot-schwarzen Kimono gegenüber. Sie erinnerte ihn an eine Protagonistin aus einer Geschichte eines anonymen japanischen Autors aus dem 18. Jahrhundert, die Haley gesammelt hatte.

„Saku, warte!“

Jadens Herz machte einen Sprung, denn er erkannte sofort Surins Stimme wieder. Er wandte sich um und erkannte mehrere bekannte Gesichter in einer kleinen Gruppe von Überlebenden. Neben den Gesichtern, die er erkannte – Olivia, Sean und Elias – glaubte er, Haleys verschollen geglaubten Onkel Mahan zu sehen. Er trug eine blutbefleckte Uniform und ein halbautomatisches Gewehr.

Surin wandte sich hektisch einer Frau neben ihm zu. „Ariella“, sagte er. „Sag Saku, dass wir ihn kennen. Sein Name ist Jaden. Er ist mit uns durch das Portal gekommen, aber wir wurden voneinander getrennt. Seine Schwester ist an diesem Ort.“

Ariella nickte und legte dann sanft ihre Hand auf Sakus Handgelenk, während sie Surins Worte ins Japanische übersetzte. Wenige Augenblicke später nickte Saku und senkte ihr Katana.

Jaden atmete tief durch, als Surin ihm ein Gewehr und eine rostige Machete in die Hände drückte. Dann stellte Surin ihm die neuen Mitglieder der Gruppe vor und warnte alle, sich auf einen weiteren Angriff des Nebels gefasst zu machen. Danach teilten sie sich auf, um sich zu verbarrikadieren und das Motel zu befestigen.

Tagebuch eines Films. Eintrag 89.[ | ]

IconHelp archivesLog Hab früh am Morgen zu schreiben begonnen. Zwei Seiten sind fertig. Hab mich auf die Hühnergeschichte konzentriert, die in vielerlei Hinsicht unterhaltsam ist. Die Diskussion mit Yasmine steht für heute Abend an, und ich werde wohl Elaines Vortrag einer Geschichte aus der Blutkammer verpassen. Etwas Böses zu Halloween. Elaine behauptet, die Geschichte spiele in einer Welt, die dieser nicht unähnlich sei.

Blutkammer. Verloren und vergessen.[ | ]

IconHelp archivesLog EINE WIDERHALLENDE EXPLOSION in einiger Entfernung weckte die fünf Gefangenen in ihrem kleinen, dreckigen Verlies voller Ungeziefer. Ein bärtiger Gefangener setzte sich auf und sah sich mehrere Namen an, die in einen Stein an der Tür geritzt waren. Da stand:

Amar Singh 1914

Adama Comba 1915

Omar Halimi 1916

Amrik 1917

Rup 1917

Plötzlich überkam den Gefangenen der Instinkt, seinen eigenen Namen darunterzusetzen, damit er nicht vergessen würde. Er nahm sich einen kleinen, spitzen Stein und gerade, als er begann, seinen Namen einzuritzen, öffnete sich die massive Holztür mit einem schweren Schlag und feindliche Soldaten beschimpften die fünf Gefangenen in einer Sprache, die keiner von ihnen verstand, während sie sie mit schimmernden Bajonetten bedrohten.

Die Soldaten wiesen sie mit Gesten an, aufzustehen. Dann drängten sie die fünf Gefangenen durch einen schlammigen, 1,80 Meter hohen Graben, der nach Tod stank, hinaus aus der Dunkelheit und in das goldene Licht der Dämmerung

Als die Gefangenen auf eine Lichtung zuhumpelten, erklärte ihnen einer der Soldat in schlechtem Englisch, dass sie die Ehre hatten, dem Hauptmann helfen zu dürfen und so vielleicht den Schießübungen am Morgen entrinnen konnten.

*

DIE FÜNF GEFANGENEN standen an der Wand des Schützengrabens, während ein feindlicher Soldat Blechdosen auf ihren Köpfen platzierte. Der Hauptmann kam mit einem Dolmetscher zu ihnen. Dieser dolmetschte schnell, was der Hauptmann sagte:

„Einer von euch Dreckskerlen wird mir von eurer geheimen Mission erzählen. Wenn ihr auspackt, verspreche ich, dass ich euch in ein anständiges Lager schicken werde, in dem ihr zu essen bekommt und medizinisch versorgt werdet.“

Keiner der fünf antwortete. Der Hauptmann grinste, ging 20 Schritte zurück, legte sein Gewehr an, zielte und schoss einem Gefangenen in die Stirn, wodurch sich sein Schädel in zwei Hälften spaltete und die anderen vier mit Blut bespritzt wurden.

Der Hauptmann warf ihnen einen Blick zu, wartete kurz und legte das Gewehr dann erneut an. Ein plötzliches Krachen und ein weiterer Gefangener fiel zu Boden, als der Hauptmann sich scherzend für seine mangelnde Zielsicherheit entschuldigte.

Mit einem Lachen zielte der Hauptmann mit dem Gewehr, betätigte den Abzug und traf die Blechdose. Die Dose stürzte auf die Sandsäcke, die im Schützengraben ausgelegt waren, und rollte dann scheppernd in den Schutt. Der Hauptmann machte sein Gewehr bereit und nahm den nächsten Gefangenen ins Visier.

Der Gefangene starrte auf den Gewehrlauf, schloss die Augen und wiederholte immer wieder einen Satz in einer unbekannten Sprache, die Latein ähnelte. Und gerade als sich der Hauptmann bereitmachte, den Abzug zu betätigen, zog ein plötzliches, durchdringendes Pfeifen jedermanns Aufmerksamkeit auf sich. Als der Hauptmann den Blick nach oben richtete, war es schon zu spät, und er wurde von einer 18-Pfünder-Kanonenkugel zu Fleischfetzen und Knochensplittern reduziert.

*

DER BÄRTIGE GEFANGENE krabbelte auf eine zitternde Hand zu, die aus einem Schutthaufen ragte. Hektisch entfernte er den Dreck und die Trümmer, während gedämpfte Schreie und Detonationen seine Ohren erfüllten. Keuchend schaffte er es, ein Gesicht und dann ein zweites auszugraben. Dann erhob er sich mit zitternden Knien, packte einen Gefangenen bei seiner Uniform und zog ihn auf die Beine. Gemeinsam befreiten sie den anderen Gefangenen aus einem Trümmerhaufen und nahmen sich einen Augenblick Zeit, um sich zu sammeln. Humpelnd und hustend nahmen sie sich Gewehre, die auf dem Boden verstreut lagen, eilten zu einer Leiter und kletterten aus dem Schützengraben in ein karges Ödland.

Sie sprangen über verwesende Pferde, während Geschosse rund um die flüchtenden Gefangenen im Schlamm aufschlugen. Plötzlich stürzten sie in einen gewaltigen Krater. Verzweifelt kletterten sie heraus, sprangen über Leichen und Ratten, verscheuchten Wolken von Fliegen und standen mit einem Mal in einem Labyrinth aus Stacheldraht, der an verbrannten Überresten von Bäumen befestigt worden war. Sie suchten einen Weg aus dem Labyrinth und betraten erneut eine Lichtung. Sie hasteten davon, ohne einen Blick zurückzuwerfen, bis ...

Sie das Rattern eines Motors am Himmel hörten.

Sie wandten sich um und sahen das Flugzeug. Ein Gefangener erstarrte, legte das Gewehr an und zielte, während sich das Flugzeug ihnen näherte. Er hielt den Atem an, betätigte den Abzug und große Krähen stoben von Leichenbergen auf, als die Kugel kreischend durch die Luft raste und ...

... ihr Ziel verfehlte.

Er legte das Gewehr erneut an, beruhigte seine Nerven und wartete auf den richtigen Moment, bevor er erneut den Abzug drückte. Dieses Mal zischte die Patrone heulend durch die Luft und bohrte sich in das hartgesottene Gesicht des Piloten.

Einen Augenblick später stieg das Flugzeug abrupt auf und geriet dann völlig außer Kontrolle.

Ungläubig sahen die Gefangenen zu, wie das Flugzeug in ihre Verfolger krachte, sie zermalmte, zerfetzte und in einem Feuerball verschlang.

Während sie diese entsetzliche Szene beobachteten, schien die Welt heftig zu beben und der Boden unter ihren Füßen verschwand urplötzlich. Die drei Gefangenen stürzten mit rudernden Armen in eine riesige Doline, und Staub, Ruß und Stacheldraht fielen auf sie herab.

*

ALS SICH DER Staub legte, erkundeten die drei überlebenden Gefangenen ihre Umgebung. Sie waren in einem uralten Tempel gelandet, der von einem seltsamen schwarzen Nebel erfüllt war. In die Mauern waren geheimnisvolle Symbole eingeritzt. Sie hatten unbeabsichtigt den verlorenen Tempel entdeckt, den sie vor der Geheimtruppe des Feindes finden sollten, die gegründet worden war, um sich verstecktes okkultes Wissen auf der ganzen Welt anzueignen. Jetzt mussten sie ihren Fund nur noch der neu gegründeten Aufklärungsabteilung melden.

Und so kletterten die Gefangenen verzweifelt aus dem Tempel und fanden sich an einem Ort wieder, der ihnen zugleich vertraut und fremd war. Die triste, von Leichen übersäte Landschaft wirkte wie ein Niemandsland, aber an dem Bild, das sich ihnen bot, war etwas Seltsames. Rund um sie waren labyrinthartige Stacheldrahtwände und verkohlte Bäume, an denen Leichen von Haken baumelten, die im Mondlicht rot funkelten. Die Gefangenen starrten die Leichen und Haken verwirrt an. Alle fragten sich, ob sie schon einmal hier gewesen waren.

Das plötzliche hohe Surren einer Kettensäge ließ die Gefangenen aufschrecken und instinktiv versteckten sie sich hinter einem brennenden Panzer. Als sich ihnen eine Wolke wabernden schwarzen Nebels näherte, wussten sie, dass sich dieser Ort von der Hölle unterschied, an die sie sich in den letzten drei Jahren gewöhnt hatten.

Sie spürten, dass sie etwas Verlorenes und Vergessenes im versteckten Tempel entdeckt hatten, oder dass dieses verlorene und vergessene Ding sie entdeckt hatte, und dass dieses Ding, dieses uralte Ding, was auch immer es war, sie von der Hölle der Schützengräben in ein wahres kosmisches Fegefeuer geholt hatte.

Blutkammer. Amt für Strategic Magik.[ | ]

IconHelp archivesLog Notiz: Bezüglich Dr. Stamper. Wir haben Bedenken, Stamper Unterprojekt 774 leiten zu lassen. Er macht sich öffentlich über die Hypothese der Herdenmanifestation lustig und bei seinen Vorschlägen für die Gemeinschaft klingt eine gewisse Skepsis, wenn nicht sogar Sarkasmus mit. Er stellt die Abteilung wiederholt in Frage und glaubt nicht, dass die Regierung die Mittel hat, um ein derartiges Experiment durchzuführen. Er will wissen, wo das Geld herkommt und stellt zu viele Fragen. Ich glaube nicht, dass er der Richtige für die Leitung der Herdeninitiative ist.

Kurzfilme[ | ]

Logs, Geschichten und Notizen: Das Haus Arkham

Belohnungen[ | ]

Durch das Abschließen der entsprechenden Aufgaben der vier Stufen im Foliant erhält der Spieler folgende Glücksbringer:

Bild Name Beschreibung Stufe
PL 001 Baufälliges Flugzeug Nachdem er durch ein Bluten geflogen, durchlöchert und verbrannt worden war, war dieser Doppeldecker nur noch Schrott. STUFE I
PL 002 Renoviertes Flugzeug Im Laufe der Zeit stellte sich jedoch heraus, dass es in besserem Zustand war als ursprünglich gedacht. STUFE II
PL 003 Repariertes Flugzeug Ohne die Hilfe von Technikern war es plötzlich wieder bereit für den Abflug. STUFE III
PL 004 Kontaminiertes Flugzeug Aber es war nicht mehr Teil der Kriegsanstrengungen. Es war Teil von ... etwas anderem. STUFE IV

Trivia[ | ]

  • Foliant 13 war der erste Foliant, in dem es keinen Kurzfilm für die Hauptcharaktere gab, sondern nur eines für den Beobachter.
  • Foliant 13 enthüllt, dass die Familien mehrerer Überlebender zusammenkamen, um nach ihren vermissten Verwandten zu suchen.
    Es wird auch angedeutet, dass der Anführer der Gruppe Haddie Kaurs Stiefbruder Jordan Rois sein könnte:
    • Elaine Fairfield, wahrscheinlich die Mutter von Dwight.
    • Ahma Kimura, die Mutter von Yui.
    • Die Parks, die Familie von Jake.
    • Yasmine Kassir, wahrscheinlich Zarinas Mutter.
FOLIANTEN IN DEAD BY DAYLIGHT
FOLIANTEN

Foliant 1 - Das Erwachen Foliant 2 - Abrechnung Foliant 3 - Eskalation Foliant 4 - Verurteilung Foliant 5 - Entfesselt Foliant 6 - Abweichung Foliant 7 - Verlassen Foliant 8 - Befreiung Foliant 9 - Crescendo Foliant 10 - SAW Foliant 11 - Hingabe Foliant 12 - Uneinigkeit Foliant 13 - Boshaftigkeit Foliant 14 - Verrat Foliant 15 - Aufstieg Foliant 16 - Existenz Foliant 17 - Engagement Foliant 18 - Korrektur Foliant 19 - Pracht

EVENTFOLIANTEN Eventfoliant 1 - Der Mitternachtshain Eventfoliant 2 - Unheimliche Maskerade Eventfoliant 3 - Spuk in Dead by Daylight Eventfoliant 4 - Kalt bis auf die Knochen Eventfoliant 5 - Unheimliche Maskerade Eventfoliant 6 - Heiße Grillparty Eventfoliant 7 - Spuk in Dead by Daylight Eventfoliant 8 - Kalt bis auf die Knochen Eventfoliant 9 - Blutmond
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